Little Boy und Fat Man

Little Boy und Fat Man

August 1945

Das Deutsche Reich hat kapituliert, der Größte Feldherr aller Zeiten in Berlin Selbstmord begangen, doch der Pazifikkrieg tobt weiter. In der Absicht, den Krieg zu beenden und die weiteren Verlustzahlen (der U.S. Army) gering zu halten, beschließt US-Präsident Truman den Einsatz der jüngst entwickelten Geheimwaffe gegen Japan.
Schon länger hatte es Gerüchte über eine Wunderwaffe gegeben, die die Nazis angeblich in verborgenen Bergwerksstollen bauen ließen, doch tatsächlich waren es vor den Nationalsozialisten geflohene jüdische Wissenschaftler gewesen, die das „Manhattan Project“ in den USA mit vorangebracht hatten.
Gerade einmal zwei Wochen sind seit dem ersten Test der neuen Superbombe vergangen, der in offiziellen Verlautbarungen als Explosion eines Munitionslagers vertuscht wurde. Doch was da in der Wüste New Mexicos in einer Feuerblase und der später als charakteristisch geltenden Pilzwolke detoniert ist, war kein Munitionslager. Es war die erste Kernwaffenexplosion in der Geschichte.

6. August 1945

Nach ihrem Test verfügten die USA noch über zwei einsatzfähige Atombomben. Die kleinere der beiden, zynisch „Little Boy“ genannt, explodierte um 8:15 Uhr über der japanischen Großstadt Hiroshima. Die Zündkabel der Bombe hatten die Piloten erst in der Luft angeschlossen; zu groß war die Sorge, bei einem Fehlstart könnte die ganze Militärflugbasis der Amerikaner zerstört werden.

Hiroshima wurde aus verschiedenen Gründen als Ziel ausgewählt. Zum einen waren nur wenige Kriegsgefangene in der Stadt, die, so fürchtete man, die Japaner als menschliche Schutzschilde einsetzen könnten. Zum anderen war Hiroshima im Gegensatz zu anderen japanischen Großstädten bisher von Flugzeugangriffen verschont geblieben. Hier, so argumentierten die Wissenschaftler, könne man die Zerstörungskraft der Bombe am besten auswerten.
Das Ergebnis: Innerhalb einer Sekunde waren 80 Prozent der Innenstadt komplett zerstört. 80.000 Menschen waren sofort tot, weitere 60.000 starben an den Spätfolgen der Strahlung. Bis in 10 Kilometer Entfernung brannten Feuer. Am Abend fiel schwarzer Regen auf die Stadt, doch es gab kaum noch jemanden, der dieses Phänomen beobachten konnte. Wer nicht verstrahlt war, trank Wasser aus dem verseuchten Fluss.

April 2019

Heute erinnert der auf einer Flussinsel in der Stadtmitte gelegene Friedenspark in Hiroshima an das Hypozentrum, über dem die Bombe in 580 Metern Höhe detonierte.

Noch beeindruckender als die von internationalen Künstlern geschaffenen Kunstwerke und Denkmäler in den Gedenkstätten von Hiroshima und Nagasaki fanden wir aber die Ruine der ehemaligen Produktausstellungshalle für Handelsware mitten in der Stadt, heute als A-Bomb Dome bekannt.

Warum hat Japan nicht schon nach dem Abwurf der ersten Bombe kapituliert, fragten wir uns, als wir in der Peace Memorial Hall vor dem im Oktober 1945 aufgenommenen Schwarz-Weiß-Panorama Hiroshimas standen, das die heute wie einst so lebhafte Stadt als postapokalyptische Landschaft zeigte, in der neben verkohlten Baumskeletten nur noch vereinzelte Ruinen der wenigen Bauwerke aus Stein übrig waren.
Zunächst einmal wusste niemand, was wirklich geschehen war. Alle Verbindungen nach Hiroshima waren unterbrochen, Augenzeugen berichteten von einer großen Explosion. In dem Flugblatt, das die Amerikaner am 8. August millionenfach über Japan abwarfen und damit die Japaner zur Kapitulation aufforderten, war zwar vom Schicksal Hiroshimas die Rede, eine Warnung vor einem zweiten Atombombenabwurf blieb jedoch aus. Als das Kriegskabinett in Tokio am 9. August — ergebnislos — zu einer Debatte zusammenkam, war es 11 Uhr.

9. August 1945

An Bord des B-29-Bombers Bock’s Car nimmt Major Charles Sweeney Kurs auf die Stadt Kokura, deren Rüstungsindustrie Primärziel der zweiten Atombombe „Fat Man“ ist. Als er sich dem Ziel nähert, muss Sweeney jedoch feststellen, dass Rauch von Bombenangriffen in der Umgebung einen Abwurf über Kokura unmöglich macht. Die Besatzung nimmt daraufhin Kurs auf das Sekundärziel Nagasaki. Hier werden in den Werften des Mitsubishi-Konzerns von koreanischen Zwangsarbeitern Torpedoboote gefertigt; auch die Torpedos, mit denen die japanische Marine die US-Flotte auf Pearl Harbor angegriffen hat, wurden hier gebaut. Doch Nagasaki liegt an diesem Tag unter einer dicken Wolkendecke. Zwar hat Sweeney den Befehl, nur auf Sicht zu bombardieren, doch nach dem Start hat er die Meldung erhalten, dass der Reservetank nicht zur Verfügung steht. Die B-29 kann mit dem verbleibenden Treibstoff gerade noch das US-Airfield auf Okinawa für eine Notlandung erreichen, wenn sie die Bombe vorher abwirft. Als sich unter dem Flugzeug eine Wolkenlücke auftut, trifft Major Sweeney eine Entscheidung.

9. August 1945, 11:02 Uhr

Die Bombe klinkt aus.

9. April 2019, 11:02 Uhr

Heute wirkt Nagasaki auf den Besucher wie eine leicht verschlafene Hafenstadt.

Kaum noch etwas erinnert in den Straßen der Stadt an die Wellen der Zerstörung, die vor fast fünfundsiebzig Jahren über Nagasaki hinwegfegten und durch die mehr als 70.000 Menschen ihr Leben ließen, geht es uns durch den Kopf, als wir an der alten Megane-Steinbrücke aus dem 17. Jahrhundert stehen.

Oben an der Straße schob sich eben noch ratternd und quietschend ein nostalgischer Straßenbahnwagen vorbei, jetzt reinigen Arbeiter in hellblauen Overalls mit einem schmalen Reisigbesen die Schienenstränge.

Plötzlich durchbricht ein Glockenklang die Stille der Stadt, der täglich Erinnerung wachruft. Es ist zwei Minuten nach elf.

Zu diesem Beitrag gibt es viele Quellen. Besonders gut geschrieben fanden wir den Wikitravel-Artikel zu Hiroshima.

2 Gedanken zu „Little Boy und Fat Man

  1. Die Ereignisse des August 45 sind auf den Seiten der beiden direkt betroffenen Nationen wenig selbstreflektiv aufgearbeitet worden. Von den Leiden der weiteren beteiligten Nationen schweigen die Barden des Selbstmitleids weitgehend. Rund um den gembaku domu sieht man flatternde japanische Nationalflaggen, und zum 50. Jahrestag des Bombenabwurfs brachte der US Postal Service eine Sonderbriefmarke raus.

  2. Olaf and Geli,
    Chuck and I were very moved by your accounts of your visits to Hiroshima and Nagasaki. Those cities stand as monuments to what must never happen again. Your world tour is a tiny but important part of this movement toward peace. I wonder if those bombers could have bombed a city whose streets they had walked, that had food they had savored, and, most of all, was the home of people who had befriended them.
    Thank you for your entries!
    Jean and Chuck

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