Mea Shearim

Mea Shearim

Mea Schearim ist das Stadtviertel in Jerusalem, in dem die ultraorthodoxen Juden leben, jene Gruppe innerhalb des Judentums, die die religiösen Regeln am strengsten auslegt und befolgt und die jeden Fortschritt und jedes weltliche Wissen ablehnt. Werte wie beruflicher Status oder Besitz haben nach dem Wertesystem der Charedim, wie sie sich selbst nennen, keine Bedeutung. Viele der Männer widmen ihr Leben ausschließlich dem Thorastudium, während die Frauen arbeiten gehen oder die Familien auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Eine Schulbildung über das Studium der Thora hinaus gibt es nicht, die einzigen Sprachen, die hier gesprochen werden, sind Jiddisch und Hebräisch. Trotz der steigenden Zahl der Aussteiger wächst die Gruppe der Ultraorthodoxen weiter an. Denn jede Familie hat im Durchschnitt sieben Kinder.

Wo Mea Schearim wirklich beginnt, ist auf dem Stadtplan schwer auszumachen, doch vor Ort lässt sich das ultraorthodoxe Viertel anhand der Verbotstafeln an den Wänden leicht lokalisieren.

So trug auch Geli an diesem sonnigen Tag einen langen Rock und long Sleeves und ließ ihre Kamera in der Tasche. Werden diese Regeln missachtet, kann es vorkommen, dass „unzüchtig“ bekleidete Frauen beschimpft oder bespuckt werden. Nachvollziehbarer ist da schon die Abneigung der Charedim gegen Touristengruppen und Fotos. Diese Menschen distanzieren sich bewusst von ihrer Umwelt und wollen leben, wie es ihnen gefällt, und nicht in Reiseführern als Attraktion gelistet und wie im Religionszoo von Touristenhorden abgelichtet werden. Dennoch gibt es keine offiziellen Regelungen für das Viertel, dessen Straßenzüge jedermann zugänglich sind.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Eintauchen in eine „mittelalterliche Parallelwelt“ blieb aus. Ärmlich sah es hier aus. Schmutzig. Die wenigen Geschäfte boten Brot, schwarze Anzüge und Schreibwaren an. Auffällig waren die Anschlagtafeln überall, die hier ein modernes Nachrichtensystem ersetzen. Und die Großfamilien, die wir trafen, die Männer und Jungen in traditioneller Tracht bis hin zum Schtreimel, der typischen Pelzmütze, die man hier häufiger sieht. Möglicherweise waren aber auch alle besonders herausgeputzt, weil Schabbat war.

Kurzer Exkurs zum Thema Schabbat: Nachdem in Tel Aviv am Freitagabend vor Sonnenuntergang noch gefeiert wurde, wird in Jerusalem das öffentliche Leben ab Freitagnachmittag komplett runtergefahren. Geschäfte und Restaurants schließen, öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht mehr. Die Stadt wird, wie jemand auf TripAdvisor bemerkte, zur Geisterstadt. Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht, man trifft durchaus noch Menschen auf den Straßen, in denen eine Atmosphäre herrscht wie an einem ruhigen Sonntagnachmittag in einer Einkaufsstraße der Hamburger Innenstadt, und wenn man etwas essen oder kaufen will, überschreitet man einfach die unsichtbare Grenze nach Ostjerusalem, wo die arabischen Geschäfte alle geöffnet haben.

Fotos oben und Mitte: Internet (wegen Fotografierverbot)

3 Kommentare zu „Mea Shearim

  1. Hallo Olaf&Geli,

    was fuer grossartige Fotos ihr hier habt und welche Geschichten dazu fliessen! (Ehrlich, die koennt ihr doch nicht alle selber recherchieren, oder?)

    Ich wusste nicht so recht, wie ich den ersten Kommentar hier platzieren soll(te). Also waehle ich jetzt einfach das hier als Start…

    1. Hallo Norbert,
      schön, von Dir zu hören, und danke für die Blumen!
      Tatsächlich haben wir uns für diese Reise ja vorgenommen, uns (noch) mehr Zeit zu lassen, da bleibt immer noch die eine oder andere Stunde zum Fotos sichten, Recherchieren und Bloggen.
      Macht aber auch viel Spaß, sich mit den Orten, die man besucht, auseinanderzusetzen, die Geschichte(n) dazu nachzulesen und darüber bebildert zu schreiben.
      Viele Grüße aus Jerusalem
      Olaf & Geli

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